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Gedanken zur Hundezucht
Von Doris Baumann
Gründliche Kenntnisse über Vererbung und Zuchtmethoden im Allgemeinen und über die Hundezucht im Besonderen müssen in das Gedankengut des künftigen Hundezüchters eingehen, wenn er denn wirklich beabsichtigt, zu züchten und nicht nur zu vermehren. Auch wenn die Erbwertermittlung und die Zuchtwertschätzung heute in der Hundezucht keine Fremdwörter mehr sind, so geschieht die Verpaarung von Rüden und Hündin häufig so, weil man weite Anreisen zu dem möglichst passenden Rüden scheut, dass die Hündin dem nächst erreichbaren Rüden der Rasse zugeführt wird. Zweifellos ein bequemer und einfacher Weg, um Hunde zu vermehren. Eine andere Möglichkeit besteht darin, sich für eine Ausstellung hochprämierte Hündin einen ebensolchen Rüden auszusuchen, und voller Erwartung sieht der Züchter den künftigen Bundessiegern und Champions entgegen. WENN DIE HUNDEZUCHT SO EINFACH WÄRE!
Sieger x Sieger = wieder Sieger! Das funktioniert in der Regel nicht. In beiden Fällen kann es trotz der „hochdekorierten Eltern“ angesichts der Nachkommen zur großen Enttäuschung führen, denn der angehende Züchter hat sich nur auf jenes Quäntchen Glück verlassen, das aber alleine nicht ausreicht, wenn man wertvolles Erbgut nicht nur erhalten, sondern es vielmehr zu verbessern trachtet.
Was macht eigentlich den Champ aus?
Auf Ausstellungen wird der Phänotyp prämiert; damit ist das äußere Erscheinungsbild umrissen, das durch die Wirkung von Erb- und Umweltfaktoren geprägt wird. Der Genotypus hingegen ist die Bezeichnung für die Gesamtheit der Gene eines Organismus (= Erbmasse, Erbgut, genetische Konstitution). Hier wird einer der Gründe deutlich, warum auf Ausstellungen erworbene Auszeichnungen, die ja nur nach dem Erscheinungsbild des einzelnen Tieres vergeben werden können (die präsentierte Tagesform spielt natürlich auch eine Rolle!), nicht gleichbedeutend mit guten Zuchterfolgen sein müssen. Vererbt wird nur der Genotyp, der Phänotyp ist Ausdruck des Zusammenwirkens von Genotyp und Umwelt. Die Umwelteinflüsse sind nicht zu unterschätzende Faktoren im Zuchtgeschehen. So können zwei Organismen vom gleichen Erbgut unter verschiedenen Umweltbedingungen zu völlig verschiedenen Erscheinungsbildern gelangen. Andererseits lässt das gleiche Erscheinungsbild zweier Individuen nicht den Schluss auf identische Erbmasse zu.
Umwelteinflüsse
Als Folge unterschiedlicher Umwelteinflüsse (Ernährung, Klima usw.) resultiert die nicht vererbbare Abweichung von der normalen Körperform (z. B. Größe), die so genannte Modifikation. Modifikationen sind also von außen her einwirkend entstanden; sie können auch Eigenschaftsveränderungen bewirken. Sobald sich die äußeren Einflüsse ändern, verschwinden die Modifikationen entweder völlig oder stellen sich in einer anderen Form dar. Sie gehen nicht auf die nachfolgende Generation über. Wohl aber wird die Art und Weise, wie ein Organismus auf bestimmte Umwelteinwirkungen reagiert, die so genannte Reaktionsform, vererben.
Abenteuer Zucht
Die Vererbung ist ein so komplexer Vorgang, dass ihn ein Laie kaum zu erfassen vermag. Um Hunde zu züchten, muss man nicht gerade Genetiker sein, aber ohne jegliche Vorkenntnisse — auch wenn das Grundwissen zunächst etwas theoretisch anmutet — sollte man sich nicht in das Abenteuer der Zucht stürzen und wenigstens die wichtigsten Vererbungsregeln kennen, um sie erfolgreich anwenden zu können. Die heutige Vererbungslehre beruht weitgehend auf den von Gregor Mendel (1822—1884) aufgrund langjähriger Kreuzungsversuche erkannten Gesetzmäßigkeiten. Danach ist es möglich, bestimmte Erbgänge über Generationen hinweg mit großer Wahrscheinlichkeit vorauszubestimmen.
Mendelsche Gesetze
In der Wissenschaft eingegangen sind drei Mendelsche Gesetze, und zwar:
- Das Uniformitätsgesetz, wonach alle Nachkommen (F1-Generation=1. Filialgeneration) bei Kreuzungen reiner Pflanzen- oder Tierrassen (Parentalgeneration) unter sich gleich sind, wobei die männlichen und die weiblichen Geschlechtszellen für die Vererbung gleiche Position einnehmen.
- Das Spaltungsgesetz: Werden Individuen der F1-Generation unter sich gekreuzt, spalten sich die Erbmerkmale der Parentalegeneration in der Enkel-Generation (F2- Generation) auf, und zwar in einem ganz bestimmten und konstanten Zahlenverhältnis (1 : 2 : 1 oder 25% : 50% : 25%).
- Das Unabhängigkeitsgesetz = Gesetz der freien Kombination der Gene. Danach erfolgt bei mehrfachen Kreuzungen die Verbindung der Merkmale in der F2-Generation unabhängig von den Kombinationen, die beide Elternteile in die Kreuzung einbrachten.
Diese Gesetze haben jedoch für die Praxis nur dann Gültigkeit, wenn nur einige wenige, eindeutig festzulegende Merkmalsunterschiede zu berücksichtigen sind. Sie verlieren jedoch ihre Berechtigung dort, wo man die Erbvorgänge insgesamt nicht mehr nur als Form eines einfachen Mendelschen Mechanismus betrachten kann, da bei der ungeheuer großen Zahl der wechselseitig wirkenden Gene (= Erbanlagen) sich die Wirkung jedes einzelnen Gens nicht gesondert feststellen lässt.
Nach der Mendelschen Theorie erhält ein Welpe von jedem Elterteil eine gewisse Anzahl von Genen. Träger der Erbanlagen sind die Chromosomen, die im Kern der Körperzellen zu einem diploiden (doppelten) Chromosomensatz vereint wird. Dagegen enthalten die Geschlechtszellen nur einen haploiden (einfachen) Chromosomensatz. Während der Befruchtung vereinigen sich zwei entsprechende haploide Garnituren zu einem dipoliden Satz.
Die Körperzellen des Hundes besitzen 39 Chromosomenpaare. Bei der Bildung der Geschlechtszellen erfolgt eine Trennung der Paare. Jede Ei- und jede Samenzelle enthält nur die Hälfte des Chromosomenpaares. Wenn sich Samen- und Eizellen vereinigen, dann ist die ursprüngliche Zahl von 78 Chromosomen wieder erreicht. So erhält jeder Nachkomme von jedem Elternteil den halben Satz einen jeden Chromosomenpaares. Beide Elterntiere sind gleichermaßen an der Erbmasse beteiligt, ausgenommen an der Bestimmung des Geschlechts.
X- und Y-Chromosom
Die männliche Samenzelle bestimmt das Geschlecht der Nachkommen. 38 Chromosomenpaare sind identisch; nur ein Paar unterscheidet sich davon. Man nennt es X-Chromosomenpaar. Der Rüde besitzt nur ein X-Chromosom, das zweite Chromosom ist von anderer Gestalt und trägt die Bezeichnung Y-Chromosom. Die männlichen Keimzellen enthalten entweder ein X-Chromosom oder ein Y-Chromosom. Wenn nun bei der Befruchtung zu einem X-Chromosom das Y-Chromosom hinzutritt, entsteht ein XY-Chromosom, was gleichbedeutend mit einem männlichen Nachkommen ist. Tritt aber zu einem weiblichen X-Chromosom ein X-Chromosom einer Samenzelle, resultiert daraus ein weiblicher Nachkomme mit Chromosomensatz XX. Die Gene sind auf den Chromosomen in einem bestimmten System angeordnet. Diejenigen, die sich an der gleichen Stelle der entsprechenden Chromosome befinden, bewirken auf verschiedene Weise ein bestimmtes Merkmal; sie verhalten sich alle zueinander. Bei Vorliegen von zwei Allelen eines Gens, beispielsweise der Anlage für schwarz (0-dominant) und braune (=rezessiv) Farbe, ist der Hund für diese Eigenschaft heterozygot (mischerbig). Besitzt er von beiden Elternteilen das gleiche Gen für eine Eigenschaft, so ist er in Bezug auf diese Eigenschaft homozygot (reinerbig).
Eine Mutation tritt ein bei einer Änderung eines erblichen Merkmals infolge eines Strukturwandels des Genotypus.
Wirkung der Gene
Ein Gen ist nicht nur auf eine Wirkung beschränkt, zum Beispiel die Bildung nur der schwarzen Fellfarbe. Vom gesamten Erbbild des Tieres ist die Wirksamkeit eines jeden Gens abhängig. Auf biochemischen Vorgängen beruht beispielsweise die Bildung des schwarzen Pigments, um bei diesem Beispiel zu bleiben. Dazu müssen die richtigen chemischen Substanzen in jeder Entwicklungsstufe vorhanden sein. Bei der Abwesenheit eines Gens, das — hier im Beispiel — die Entwicklung von Haar verhindert, oder eines anderen Gens, das die Umwandlung des schwarzen Pigments in gelbes veranlasst, kann das dominante Gen keine schwarze Haarfarbe hervorbringen. Dennoch ist es in den Körper- und Geschlechtszellen des Hundes vorhanden, und es kann, wenn das dominante Gen bei der Fortpflanzung sich von den beiden anderen Genen löst, dennoch ein Welpe mit schwarzer Farbe entstehen. Wenn ein Gen seine volle Wirkung auch in Gegenwart rivalisierender Gene entfaltet, ist es dominant, vorausgesetzt, sein Rivale ist ein Allel; epistatisch (unterdrückend) ist es, wenn der Rivale nicht allel ist. Ein Gen schließlich, das nur wirksam werden kann, wenn es doppelt vorhanden ist, bezeichnet man als rezessiv.
Über Generationen vermögen sich rezessive Anlagen unsichtbar (verdeckt) weiterzuvererben. Wenn Vater und Mutter zufällig das gleiche rezessive Gen in der Erbmasse führen, können Nachkommen ein Doppel-Gen für diese rezessive Anlage erhalten, so dass erst dann das treffende Merkmal sichtbar wird. Für dieses Merkmal sind die Nachkommen dann reinerbig. Bei nur einem vorhandenen Rezessiv-Gen bleibt die betreffende Eigenheit vom dominanten Gen überdeckt.
Dominante Gene hingegen sind in jeder Generation sichtbar und werden auch sichtbar vererbt. Nur Nachkommen, die ein sichtbar dominantes Merkmal zeigen, vererben es weiter. Sich dominant verhaltende Eigenschaften sind immer sichtbar, auch wenn der Träger für die betreffende Eigenschaft mischerbig ist. Da nicht alle Genpaare doppelt rezessiv oder doppelt dominant — also reinerbig — sind, vererben sie sich nur dann konstant, wenn der Träger dafür reinerbig ist, das heißt, wenn er ein identisches Genpaar besitzt. In Bezug auf ein Merkmal können die Tiere sowohl reinerbig als auch mischerbig sein. Da die Dominanz eines Merkmals über das entgegengesetzte in den seltensten Fällen vollständig ist, unterscheiden sich die auf eine Eigenheit mischerbigen Tiere kaum oder gar nicht von den reinerbigen. Diese Intensität, mit der die betreffenden Merkmale in den einzelnen Tieren sichtbar werden, nennt man Expressivität (0-Prägungsgrad) der Gene.
Theorie zur Gesetzmäßigkeit
Nach der Mendelschen Theorie zur Gesetzmäßigkeit der dominantrezessiven und intermediären Vererbung einzelner Merkmale sind die qualitativen Merkmale — wie zum Beispiel die Fellfarbe — phänotypisch noch recht gut zu erfassen. Schwieriger ist die Erfassung der quantitativen Merkmale wie Körpergröße, Brustbreite und –tiefe und anderes. Sie unterliegen dem Einfluss mehrerer Gene, wobei deren einzelne Erbgänge sich infolge ihrer gemeinsamen Wirkung so überlagern, dass die Mendelschen Regeln eine Erbanalyse nicht zulassen.
Die Merkmale der wesentlichsten Rassemerkmale hängt von den vielen Faktoren ab, dass der Hundezüchter den viel zitierten Mendelschen Gesetzen relativ hilflos gegenübersteht. Er weiß, dass nach Mendel jedes Individuum für jedes seiner Merkmale und für die Eigenschaft eine doppelte Erbeinheit besitzt und dass es dominante Merkmale gibt, die sich sichtbar weitervererben, und rezessive, die sich zwar vererben, aber durch die dominanten überlagert werden. Nun kann sich der Züchter aber einiger Zuchtmethoden bedienen, die sowohl positive als auch negative Erbmerkmale rasch ans Licht bringen.
Inzucht
Um eine erwünschte Erbsubstanz zu erhalten, wählt man die Inzucht-Methode. Inzucht fördert durch subvitale, rezessive Allele bedingte und vorher durch heterozygoten Status verdeckte, ungünstige Eigenschaften zutage; es entsteht eine sogenannte „Inzucht-Depression“. Sind schädigende rezessive Gene nicht oder nicht mehr vorhanden, so bleiben die erwünschten Eigenschaften oder Merkmale erhalten. Erbmäßig reine Linien lassen sich also durch die Methode der Inzucht erreichen. Bei der Inzucht (Verwandtschaftszucht) kommen Tiere zur Paarung, die innerhalb der letzten Generationen gemeinsame Vorfahren haben. Es wird dem Verwandtschaftsgrad nach unterschieden zwischen leichter, enger und engster Inzucht. Letztere entspricht der Paarung von Vollgeschwistern oder Elterntieren mit direkten Nachkommen und wird von den meisten Zuchtverbänden nicht oder nur unter besonderen Vorraussetzungen erlaubt.
Bei sorgfältiger Auswahl der Partner lässt sich jede körperliche und physische Eigenschaft in einer Linie festhalten. Das oberste Gebot bei der Anwendung der Inzucht als Zuchtmethode ist das Züchten mit fehlerlosen, gesunden und dem Rassestandard in höchstem Maße entsprechenden Tieren. Nur Tiere, die in Ihrer Erbmasse keine nachteiligen (sichtbaren) Erbanlagen aufweisen, darf man dazu verwenden. Es stellt sich natürlich die Frage, ob bei über Generationen gefestigten Stämmen die Inzucht als Zuchtmethode überhaupt noch Einsatz finden sollte.
Der Züchter muss wissen, dass durch Inzucht nichts Neues in seine Zucht hineinkommt. Sie kann nur das hervorbringen, was in der Erbmasse der Partner schon vorhanden ist. Für Fehler oder unerwünschte Eigenschaften, die durch die Inzucht zutage treten, sind bestimmte Gene der Vorfahren verantwortlich. Wenn solche Gene bei rezessivem Erbgang nur in der Einzahl vorhanden sind, werden die Fehler nicht manifest. Bei Vorkommen des fehlerhaften Faktors bei beiden Partnern tritt das nachteilige Merkmal nach außen hin in Erscheinung. Bei Anwendung der Inzucht werden schon in der ersten, mit Sicherheit aber schon in der zweiten Generation sämtliche fehlerhaften Erbmerkmale aufgedeckt. Strengste Selektion ist unerlässlich. Durch Inzucht entstehen keine neuen Fehler, aber die rezessiv in den beiden Elterntieren vorhandenen Mängel kommen zum Vorschein. Die Zuchtlinie lässt sich in relativ kurzer Zeit konsolidieren; wenn die Auswahl der Zuchttiere jedoch nicht ganz gezielt erfolgt und keine strenge Selektion der Nachzucht stattfindet, kann sie ruinöse Auswirkungen haben. Von Inzucht spricht man bereits dann, wenn zwei bestimmte Tiere näher miteinander verwandt sind als mit anderen, zufällig der Population ausgewählten Individuen (Wachtel).
Inzuchtkoeffizient
Sowohl für den Züchter als auch und besonders für den Käufer eines Hundes wäre es gut zu wissen, welchen Inzuchtkoeffizient das zu erwerbene Tier aufweist. Um ihn nicht selbst ausrechnen zu müssen, könnte er jeweils auf der Ahnentafel eingetragen werden. Nach Forschung von Kelly erbrachten gewisse Paarungen, die bei den Welpen einen IK von mehr als 25% ergeben hatten, unfruchtbare oder schwächliche Welpen, während Welpen mit einem IK von etwa 20% zufriedenstellend ausfielen. Der amerikanische Wissenschaftler S. Wright hat ein Modell zur Definition der Inzucht aufgestellt, wodurch nach der Zahl der gemeinsamen Ahnen und der Generationen der Verwandtschaftsgrad zwischen zwei Tieren berechnet werden kann. Über den Inzuchtkoeffizienten erfährt man zum einen den Verwandtschaftsgrad zwischen den Eltern des Tieres und zum anderen den Inzuchtkoeffizienten des Tieres selbst. Auch andere Wissenschaftler haben sich mit der Berechnung des IK beschäftigt. Der einfachsten Version liegt die Annahme zugrunde, dass jedes Tier von jedem Elternteil eine Hälfte der Erbmasse (Genotyp) erhält. Nach Galtons Theorie stammt von jedem Elternteil ein Viertel, von jedem Großelternteil ein Achtel usw. Durch die Vorausberechnung des IK lassen sich Paarungen vermeiden, die gefährlich eng sind. Die Formel für den IK lautet:
IK = Summe (1/2) n1 + n2 + 1
Hierbei ist n1 der Generationsabstand eines dem Vater und der Mutter gemeinsamen Ahnen zum Vater (zum Großvater ist n1 gleich 1, zum Urgroßvater 2, zum Ururgroßvater 3, usw), n2 ist derselbe zur Mutter. Für jeden gemeinsamen Ahnen sind die Abstandszahlen hinzuzuaddieren. (Wachtel)
Linienzucht
Mit der Linienzucht werden wünschenswerte Eigenschaften eines Stammes durch die Paarung verwandter Partner gefestigt und Fehler durch Paarung mit Partnern, deren Blutlinie von diesen Fehlern frei zu sein scheint, ausgemerzt. Durch die Linienzucht erreicht man ein gewünschtes Resultat langsamer als durch die Inzucht, dafür sind auch die Fehlerquellen geringer, zumal sich die Verdoppelung der zumeist rezessiv vorhandenen Fehler sofort bemerkbar macht. Die Verdoppelung der Gene für Vorzüge hingegen tritt erst in der nächsten Generation zutage.
Betreibe mit dem besten Tier konsequente Linienzucht, bis ein besseres vorhanden ist, dann erst züchte in Linienzucht mit diesem weiter. Das Erbgut eines hervorragenden Tieres kann nur mit Hilfe der Inzucht erhalten werden, solange es lebt; doch nehme zu einer engen Inzucht nur dann deine Zuflucht, wenn ein Tier mit sehr außergewöhnlichen Eigenschaften und keinen hervorstehenden Fehlern zur Verfügung steht. Sofern die Inzucht unbefriedigende Würfe zur Folge hat, lege dies nicht dem bevorzugten Tier zur Last; es ist nur ein Anzeichen, dass es an der Zeit ist, für eine weniger enge Inzucht Sorge zu tragen. (Bruns, . , Fraser, M.)
Fremdzucht
Die am häufigsten praktizierte Zuchtmethode ist die Fremdzucht. Darunter versteht man die Paarung nicht verwandter Tiere. Hier fällt das Zuchtergebnis sehr vielfältig und unterschiedlich aus. Es ist durchaus möglich, über die Fremdzucht einen guten Wurf zu erreichen. Diese Zuchtmethode entspricht allerdings mehr oder weniger einem Lotteriespiel, wobei Faktor „Glück“ sehr stark seine Hand im Spiel hat.
Erkenntnisse
Zu raten ist zur konsequenten Linienzucht und Erhaltung des Erbgutes eines hervorragenden Tieres unter möglichem Einsatz der Inzucht, was ein Verantwortungsbewusstsein des Züchters generell zur Schaffung neuen Lebens und die Bereitschaft zur notwendigen Selektion voraussetzt. Diese Erkenntnis entstammt nicht nur der Hundezucht. Man kennt sie schon lange auf anderen Tierzuchtgebieten, sei es nun in der Pferde-, Rinder- oder auch Schweinezucht, wenngleich natürlich in der Nutzviehzucht die Zuchtauswahl nach anderen Kriterien stattfindet und andere Kontrollmechanismen bei der Verfahren zur Erbwertermittlung greifen.
In der Rinderzucht beispielsweise geht man von einer Prüfung der Nachkommen aus. Vom Ergebnis ist abhängig, ob das betreffende Individuum überhaupt Stammtier von zahlreichen Abkömmlingen werden kann oder nicht (Nachkommenauslese) — eine Methode, die in der Hundezucht kaum durchführbar ist und schon an der Bereitstellung tiefgefrorenen Spermas über Jahre hinweg scheitern wird.
Erbkrankheiten
Es würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen, wollte man über alle vererbbaren Krankheiten berichten, von denen unsere Vierbeiner heimgesucht werden können. Deshalb sollen hier zwei Gelenkveränderungen gewissermaßen stellvertretend für andere „Abnormalitäten“ stehen: die Hüftgelenksdysplasie und die Patellaluxation.
Dass die Hüftgelenksdysplasie (HD) eindeutig erblich ist, dürfte inzwischen in allen Hundezuchtverbänden bekannt sein. HD ist nicht angeboren, aber die ererbte Veranlagung, entsprechende Symptome im Laufe des Lebens zu entwickeln, ist für jeden Züchter eine Art Damoklesschwert.
Die meisten Zuchtverbände machen heute eine Ankörung des Hundes von einer Röntgenuntersuchung auf Hüftgelenkdysplasie abhängig und verweisen nicht ohne Stolz auf diese Tatsache, die vor noch gar nicht so langer Zeit völlig außer Acht gelassen wurde. Das Ergebnis der Röntgenuntersuchung, die das Vorhandensein einer HD bestätigen, wird — ebenso wie die Patallaluxation — in verschiedene Grade eingeteilt: HD-frei (A! und A“), HD-Verdacht (Übergangsform, B1 und B2, HD-leicht (C1 und C2), HD-mittel (D1 und D2), HD-schwer (E1 und E2).
Viel zu viele Zugeständnisse !
Und hier "liegt der eigentliche Hund begraben!" Es werden noch viel zu viele Zuchtzugeständnisse hinsichtlich der Schwere des Befundes in Bezug auf die Zuchttauglichkeit gemacht, auch bei Rassen, die in so starkem Maße vertreten sind, dass eine viel strengere Selektion vertretbar wäre. Zwei Tiere mit leichter HD zu verpaaren, ist — um wirklich eines Tages zu HD-freien Tieren zu gelangen — schon ein Grad zu viel, wie zahlreiche Versuche — auch von engagierten, ernsthaften Züchtern — bewiesen haben.
Beispielhaft gilt hier die Hovawartzuchtgemeinschaft Deutschland e.V., die zur Zucht nur Hunde einsetzt, die HD-frei sind oder keinen HD-Verdacht haben. Bei HD-Verdacht eines Zuchtpartners muss der andere Zuchtpartner HD-frei sein und aus einer HD-freien Linie stammen. Unter Nutzung der Zuchtwertschätzung konnte der Einsatz von HD-Verdachtshunden stark minimiert werden.
So dürfte auch verständlich sein, dass ein Blindenführhund möglichst HD-frei sein muss. Deshalb wird in der Stiftung Schweizerische Schule für Blindenhunde in Allschwil beispielsweise in der stiftungseigenen Labradorzucht seit über 30 Jahren ausschließlich mit HD-freien Tieren mit nachweislichem Erfolg gezüchtet, denn was hätte ein Blinder letztlich von einem ausgebildeten Führhund, der schon nach wenigen Jahren nicht mehr schmerzfrei laufen kann, weil man in der Zucht über zuchtausschließende Fehler großzügig hinweggesehen hat?
Ebenso verhält es sich mit der Patellaluxation hinsichtlich der Vererbung. So wie HD eben nicht nur Heidelberg ist, ist auch PL kein Kfz-Zeichen.
Natürlich dürfen bei einem Versuch der Bekämpfung einer Erbkrankheit nicht andere wichtige Points wie etwa das Wesen eines Hundes und andere Charakteristika vernachlässigt werden.
Über den Sinn von Zuchtbestimmungen
Es wäre unfair zu behaupten, dass die Zuchtverbände und ihre übergeordneten Stellen — wenn auch teilweise unter Druck von außen oder tierschützerischer Seite — in den letzten Jahren für die Hundezucht nicht viel bewegt hätten. Man denke nur an das Kupierverbot von Ohren und Rute. Wie schön ist es anzusehen, wenn nun auch jene Rassen, deren Zuchtvertreter sich lange gegen das Kupierverbot gesträubt haben, nicht mehr der Möglichkeit beraubt sind, auch mit der Rute zu kommunizieren. Die Aufnahme von Prüfungen und Tests in die Zuchtbestimmungen, wenn sie letztlich erbgesunde Nachkommen zeitigen, ist nicht anzuzweifeln.
Die Frage nach der Notwendigkeit des Bestehens einer Schutzhundprüfung (auch wenn sie heute Vielseitigkeitsprüfung genannt wird) als Zuchtvoraussetzung darf hingegen gestellt werden und dokumentiert vor allem den „Arbeitswillen“ des Halters. Die meisten Übungseinheiten im Schutzhundesport sind antrainiert und somit mit der Vererbungslehre nicht zu erfassen. Allenfalls die niedrige Reizschwelle eines Hundes kann über mehrere Generationen so selektiert werden, dass sie sich über die gesamte Population der Rasse auswirkt.
Fazit
Für den Fortbestand der Rassen haben die Zuchtvereine alle jetzt gegebenen Möglichkeiten zur Erkennung von Erbkrankheiten zu nutzen wie künftig auch Genanalysen und Zuchtwertschätzung mit einzubeziehen.
[Das Deutsche Hundemagazin, Ausgabe 3/2006]
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